Antisemitismus

Der Clubabend am 15. November 2021 war ein besonderer und gestaltete sich deshalb anders als vergangene Abendveranstaltungen. So lässt sich die Frage, ob es in Münster Antisemitismus gebe oder gegeben habe, nicht allein mit der Aufzählung von Fakten beantworten, sondern forderte bei den Anwesenden eine persönliche, emotionale Stellungnahme ein. „Antisemitismus“ ist nicht nur ein politisches Thema, sondern hat eine grundsätzliche, moralische Dimension. Deshalb war es folgerichtig, dass der Referent des Abends, Herr Stefan Querl, Pastorensohn vom Niederrhein, Historiker und Stellvertretender Leiter der Villa ten Hompel, zu Beginn der Veranstaltung vorschlug, den Abend als Gesprächsrunde zu gestalten, wobei er die Rolle des Moderators übernehmen wolle und nicht die des allein Vortragenden. Herr Querl ist außerdem Antisemitismusbeauftragter der Stadt Münster. In den vielen Beiträgen erzählten ältere CC-Mitglieder von ihren persönlichen Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus, den sie als Kinder erlebten und dessen Ideologie sie natürlich aber nicht durchschauen konnten. Der gemeinsame Tenor dieser rückblickenden Berichte aus der persönlichen Vergangenheit war, dass die Eltern zwar freundlichen, losen Kontakt zu jüdischen Mitbürgern hatten, die sie als Nachbarn oder Geschäftsleute erlebten, jedoch offenbar keinen engen, vertrauten Umgang mit ihnen. Die Ereignisse, die dann plötzlich eintraten, verursachten bei den Kindern Unverständnis und Verwirrung. Am Münsterschen Kanonengraben wohnende Juden wurden aus ihren Häusern vertrieben, ein in Hildesheim lebendes Kind sah, wie eine jüdische Frau hastig Teile ihres Besitzes bei seiner Mutter in Verwahrung gab, wonach die jüdische Familie für immer verschwand. Das gleiche Schicksal widerfuhr einer anderen jüdischen Familie aus der Lüneburger Heide, nachdem ihr bei allen Kunden beliebtes Geschäft geplündert und zerstört worden war. Die jüdische Ehefrau eines in Freiburg lebenden Wissenschaftlers und wegen ihrer Abkunft in Lebensgefahr, verschwand aus dem Blickfeld von Freunden und Bekannten. Nach dem Krieg stellte sich übrigens heraus, dass sie bei Schwarzwälder Bauern Unterschlupf gefunden hatte und damit gerettet worden war. Ein seltener Einzelfall! Von den vielen Beiträgen der Clubmitglieder können an dieser Stelle nur einige wenige genannt werden. Sie offenbaren aber die uns bekannte Brutalität des NS-Regimes, das erbarmungslos jüdische Bürger mitten aus einem friedlichen bürgerlichen Leben riss. Deutlich wird aber auch, dass die Eltern der Erzähler tatenlos zuschauen mussten, weil sie sich nicht trauten, Widerstand zu leisten und, wie wir wissen, ihn auch nicht leisten konnten. Ein kurzer Blick auf die Zeit nach 1945 zeigte, dass jüdisches Leben auch außerhalb Israels durchaus wieder selbstverständlich präsent ist. So leben an der Deutschen Auslandsschule in Montevideo Schüler unterschiedlicher Religionen friedlich zusammen, so selbstverständlich, dass im Unterricht Judentum durchaus nicht mehr nur auf die Shoa reduziert wird, wie eine ehemalige Lehrerin aus ihrer Arbeit dort in den 70er Jahren berichtete. Ein anderes CC-Mitglied erzählte von „Klezmer Musik“ auf dem Marktplatz in Krakau. Herr Querl sprach von einer jüdischen Mitarbeiterin Stefan Querl / Renate Loos17 im „Haus der Wannsee-Konferenz“, die die Hoffnung geäußert hatte, dass es normal werden müsse, nicht mehr nur von Auschwitz zu sprechen. Im Hinblick auf dieses Ziel gibt es in Münster viele Initiativen, die sich um den Kontakt mit jüdischen Mitbürgern bemühen und die sich zum Ziel gesetzt haben, die jüdische Religion und jüdische Gebräuche bekannter zu machen. So ist z. B. ein Besuch von Konfirmanden aus Münster-Hiltrup in der Synagoge in Münsters Zentrum selbstverständlich. Auch der Studentenaustausch zwischen Münster und Israel wird bewusst gepflegt, ebenso wie der zwischen Münsterschen Schulen und israelischen Städten. Unter den vielen Menschen, die sich in Münster zum Ziel gesetzt haben, für ein gutes, normales Miteinander von jüdischen und nichtjüdischen Bürgern zu arbeiten, nimmt der an der CC-Veranstaltung als Gast anwesende Herr Peter Schilling eine besondere Rolle ein. Der ehemals am Wolbecker Gymnasium tätige Lehrer wurde im Juni 2021 für seinen langjährigen intensiven und nachhaltigen Einsatz für die Verständigung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Er ist Vorsitzender des Vereins „Spuren Finden e.V.“ und hat maßgeblich bei der Verlegung der „Stolpersteine“ mitgewirkt, die an ehemals in Münster ansässige und vertriebene jüdische Bürger erinnern sollen. In seinem Schlusswort erinnerte Herr Querl noch einmal daran, dass die Überwindung des Antisemitismus nur mit Wachsamkeit und Beharrlichkeit aller Bürger gelingen könne – und nicht nur Institutionen und Behörden überlassen werden dürfe. Im langanhaltenden Applaus, mit dem der Referent von den Anwesenden bedacht wurde, drückte sich der große und nachhaltige Dank für einen besonderen und denkwürdigen Abend aus. Renate Loos