Theodor Fontane - Bürgerlicher Realist

Am 8. Juli hat die Literaturwissenschaftlerin Sabine Förster einen Video-Vortrag über Theodor Fontane gehalten. Mit Engagement und Sachkenntnis hat sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern diesen Autor des 19. Jahrhunderts nahege- bracht, dessen Werke auch in heutiger Zeit noch lesenswert sind. Der nachfolgende Text von Sabine Förster frischt die Erinnerung an diesen interessanten Vortrag auf. Theodor Fontane – Bürgerlicher Realist Theodor Fontane (1819 - 1898) führte ein viel- schichtiges Leben als Apotheker, Auslandskorres- pondent in preußischen Diensten, Kriegsberichter- statter, Rezensent, Reiseschriftsteller und Ro- mancier. Er war mit Emilie Rouanet-Kummer ver- heiratet, und von den sieben gemeinsamen Kin- dern erreichten vier das Erwachsenenalter, wobei die einzige Tochter Martha, Mete, sein Lieblings- kind war. Aufgrund seiner vielfältigen Interessen, Aufgaben und dem Zwang, Geld zu verdienen, um die Fami- lie zu ernähren, begann er erst in seinen letzten zwanzig Lebensjahren als freier Schriftsteller zu arbeiten und sein Prosawerk von siebzehn Roma- nen und Novellen zu erschaffen. Eine große Zahl dieser Werke findet auch heute noch viele interes- sierte und wertschätzende Leser. Gemälde von Carl Breitbach, 1883 Fontane wuchs in eine sich verändernde Welt hinein. Preußen stieg zu einem der mächtigsten europäischen Staaten auf; politisch war die Zeit durch die „Restaura- tion“ gekennzeichnet. Das geistig-kulturelle Leben wurde gelähmt durch die konser- vativ-reaktionäre Haltung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV und des Adels. Ab den 1880er Jahren des 19. Jahrhunderts verschoben sich auch durch die rasch zunehmende Industrialisierung die Machtverhältnisse zugunsten des Besitz- bürgertums, und eine Zeitenwende bahnte sich an. Diese wird geprägt durch zu- nehmende Technisierung, den Aufschwung der Naturwissenschaften aber auch durch die wachsende Bedeutung sozialer Probleme und den Verlust religiöser Ori- entierung. Fontane war nicht zuletzt auch ein unermüdlicher Briefeschreiber (über 5.800 sind überliefert und weitere 5000 verschwunden oder vernichtet), und auch ein schmales lyrisches Schaffen mit Gedichten und Balladen ist zu verzeichnen. Die Literaturkritik hat mit seiner Lyrik ihre Probleme gehabt, da diese nicht den gängigen Vorstellun- gen von „Lyrischem“ entsprach. Fontane schrieb in einem Gedicht dazu sehr selbst- kritisch „Suche nicht weiter. Man bringt es nicht weit/Bei fehlendem Sinn für Feier- lichkeit.“ (Was mir fehlte, 1889). Die poetische Gestaltung der Alltagswelt und der Verzicht auf eine „ästhetische artifizielle Dekoration“ nahmen die Kritiker ihm übel. Der Vortrag nimmt Bezug auf die Romane Fontanes, die dem Konzept des poeti- schen/bürgerlichen Realismus zuzurechnen sind. Fontanes eigenes Literaturver- ständnis beschäftigt sich zentral mit der Dialektik zwischen dem Anspruch, ein 10 realistisches Bild seiner Zeit zu geben, und dem Anspruch, gleichzeitig auch ein Kunstwerk zu erschaffen. Für ihn hieß das, eine wirklichkeitsgetreue Darstellung zu verbinden mit einer poetischen Stoffauswahl in dichterischer Gestaltung. Bis auf seinen Altersroman „Der Stechlin“ geht es ihm nicht um scharfe, konkrete Kritik an Politik und Gesellschaft, sondern eher um allgemeinmenschliche grundsätzliche Probleme, Daseinsfragen, wie z.B. dem Verhältnis von Individuum und Gesell- schaft. Dieses Verhältnis von der Fehlbarkeit des Einzelnen – und damit verwoben Versagen, Vergehen, Schuld des Individuums – zu der Gesellschaft insgesamt mit ihrem starren Normenkorsett, den Rollenerwartungen und erdrückenden Konven- tionen, stehen im Mittelpunkt seines Schaffens. Auffallend in seinem Romanwirken ist die geringe thematische Bandbreite: Liebes- geschichten oft über Standesgrenzen hinweg (Irrungen, Wirrungen); Ehe- und Ehe- bruchsgeschichten (Effi Briest); Kriminalgeschichten (Unterm Birnbaum). Fast alle Romane sind recht handlungsarm und bewegen sich in den engen Bahnen um ei- nen zentralen Konflikt oder eine Grundproblematik. Spannung und Dramatik sind aber dennoch vorhanden und werden durch Monologe, Dialoge und Gespräche er- zielt. Konversation unter Freunden und Bekannten bei Tee-und Abendgesellschaf- ten, bei Ausflügen vor die Tore der Stadt oder im Kreis familiärer Zurückgezogenheit malen ein Bild, das farbiger nicht sein kann. Gesellschaftsklatsch kontrastiert mit gelehrtem Diskurs, Bekenntnisse und Geständnisse wechseln mit Fürsprachen und Anklagen; so charakterisieren sich die Figuren in ihrer Redeweise selber und ent- werfen auch ein Bild des Gegenübers. Einerseits ist die Sprache offenherzig und unverblümt, und andererseits ist es eine „gepflegte“ Sprache im gesellschaftlichen Kontext, ganz tabuisiert entlang der gültigen gesellschaftlichen Konventionen (siehe: Irrungen, Wirrungen; Frau Jenny Treibel; Effi Briest). FAZIT Fontanes Romane thematisieren fast immer einen Kernkonflikt zwischen zwei oder mehr Personen. Darüber hinaus zielen sie untergründig vom besonderen Einzelfall durchaus untergründig auf eine Kritik an der zeitgenössischen Gesellschaft. Im letz- ten Roman „Der Stechlin“ werden viele Aspekte akkumuliert und generell die „alte“ Zeit zum Untergang verurteilt. Die heraufziehende „neue“ Zeit wird von ihm jedoch nicht per se als besser und erstrebenswerter dargestellt. Sehr klarsichtig beschreibt er in allen Romanen den Niedergang der „alten Zeit“ des preußischen Adels mit der schwindenden Vormachtstellung und ihren sinnentleer- ten Prinzipien und Ehrbegriffen. Aber auch neu die heraufziehende „neue Zeit“ mit dem aufstrebenden Besitzbürgertum, das die Macht mehr und mehr übernimmt, be- wertet er kritisch, und sie ist für ihn defizitär. Diese Schicht richtet sich oftmals nur im Besitz und Geld ein, wobei es den Schein über das Sein stellt. Seiner Kunst ist es zu verdanken, dass ein komplexes, farbiges Bild der zeitgenös- sischen Gesellschaft mit all ihren Problemen, Konflikten und Facetten für uns Lese- rinnen und Lesern gemalt wird. Und dieses Bild ist nie eindimensional kritisierend, sondern eine tiefe Einsicht in den Menschen und seine Fehler wird mitfühlend und auch humorvoll dargestellt und selten bewertet. So zählt Theodor Fontane auch heute noch zu den ganz Großen der deutschen Literatur. Sabine Förster