Von Täufern und Körben

Einen höchst instruktiven Video-Vortrag über ein stadtgeschichtliches Thema ha- ben wir Mitte Juli im Civilclub erlebt. Der junge Historiker Jan Matthias Hoffrogge, frisch promoviert, brachte uns die Bedeu- tung des Münsterschen Täuferreiches 1534/35 in doppelter Perspektive nahe: Zunächst gab er einen kurzen Überblick über die Ereignisgeschichte, danach – und das war sein Hauptthema – entfaltete er ausführlich die Grundmuster der Wir- kungs- und Erinnerungsgeschichte dieser herausragenden Epoche der Stadtge- schichte. Mit kurzen Hinweisen brachte der Referent uns zunächst das dramatische Geschehen in den 30-er Jahren des 16. Jahrhun- derts wieder in Erinnerung – seine captatio benevolentiae: „Vor CC-Mitgliedern die Täuferherrschaft ausführlich zu schildern, hieße Eulen nach Athen zu tragen.“ Den ersten Teil des Referates bildeten also knappe Stichworte zum Konflikt zwischen Bischof und Bürgerschaft, zur lutherischen Reformation („1532 war Münster eine evangelische Stadt“), zu Bernhard Rothmann, Jan Matthys und Jan van Leiden, zum Täufertum als in sich vielfältiger Bewegung, die die individuelle Glaubensent- scheidung betont und deshalb die Kindertaufe ablehnt, zu Massentaufen, Bilder- sturm (es gab erst einen lutherischen und dann einen täuferischen!), zur Vertreibung Andersdenkender, Gewaltherrschaft, Gütergemeinschaft, Vielehe, Endzeit-Erwar- tung, Belagerung, Hungersnot, zum Blutbad bei der Eroberung und zur grausamen Hinrichtung der Protagonisten. Das Drama von Münster erregte seinerzeit großes Aufsehen in ganz Europa – und wurde seither immer wieder dargestellt und gedeutet in Kunst, Literatur, Theater und Film. Wie aber haben sich die Münsteraner selbst an das Geschehen erinnert? Dr. Hoffrogge sieht im Wesentlichen fünf Deutungsmuster: 1. DieTäuferdienenalsabschreckendesBeispiel.DerjeweiligepolitischeGegner (der Kommunismus, die Nazis, die Islamisten, ...) wird mit den Münsterschen Täufern gleichgesetzt. Ein warnendes Erinnern an die damalige Gewaltherr- schaft lässt sich offenbar von allen Seiten beliebig instrumentalisieren. 2. UmgekehrtkanndieTäuferherrschaftauchalspositivesVorbildbenutztwerden. Die Täufer werden als Sozialreformer, Aufrüttler oder kulturelle Nonkonformisten gewürdigt. Diese Tendenz gab es besonders in linken Kreisen der 1980-er Jahre. 3. EinespezielleInterpretationgewinntseitden1920-erJahrenanBeliebtheit:Die Täufer werden als Genussmenschen gedeutet, die zu leben und zu feiern wissen und sich ihre Lebensfreude nicht vom Klerus verderben lassen. Schokoladen, 12 alkoholische Getränke und Kneipen werden dementsprechend mit Namen aus jener Zeit versehen. 4. Eine weitere Deutungsrichtung spricht pauschal von Münster als der „Wieder- täuferstadt“, ohne dabei an besondere Inhalte anzuknüpfen. In dieser Sicht sind die Täufer bloße Traditions-Repräsentanten und Stadt-Originale. Man ist wohl einfach nur stolz, dass sich in unserer Stadt solch welthistorisch wichtige Ereig- nisse zugetragen haben. 5. Die historisierende Sicht betont den großen Abstand zwischen Damals und Heute. Man müsse die Menschen aus ihrer Zeit heraus verstehen. Weltbild und Lebensgefühl jener Menschen der frühen Neuzeit unterschieden sich stark von unserer heutigen Einstellung – historische Vergleiche, Anknüpfungen und die Ableitung allgemeiner Wahrheiten aus den damaligen Ereignissen seien des- halb problematisch. Zum dritten Deutungsmuster zählt wohl auch die Erwähnung des Täuferreiches in einem Schauspiel zum Festball beim 150. Jubiläum des Civilclubs im Jahr 1925. Hoffrogge zitierte die entsprechenden Verse, in denen viel Sympathie für die Täufer anklingt, und vermutete, dass diese Textpassage Vorbildfunktion gehabt haben könnte für die spätere Täuferrezeption bei Münsters Karnevalisten. Die bekanntesten Erinnerungszeichen für das Täuferreich sind bis heute die drei Körbe am Lamberti-Kirchturm. Sind diese sogenannten „Wiedertäufer-Käfige“ Ge- denk-Symbole, die unserer Zeit angemessen sind? Oder wäre es besser, sie abzu- hängen? Seit Jahrzehnten wird über diese Fragen eine öffentliche (Leserbrief-) De- batte geführt, auf die Dr. Hoffrogge am Ende seiner Ausführungen hinwies. Er plä- dierte dafür, den Lamberti-Kirchturm und -Kirchplatz zu einem Ort historischen Ler- nens zu machen, an dem durch ein breites Informations-Angebot die Aufmerksam- keit der vorbeigehenden Besucher geweckt und ihr historisches Verständnis vertieft wird. Seine Prognose: „Spätestens in den Gedenkjahren 2034-36 wird es eine neue Diskussion über die Körbe am Lamberti-Kirchturm geben.“ Wir danken Herrn Dr. Hoffrogge ganz herzlich für seinen hervorragenden Vortrag, an den sich gleich danach schon ein angeregter Gedanken-Austausch unter den Teilnehmern anschloss – und der uns sicherlich auch weiterhin viel Stoff für eine intensive Beschäftigung mit Stadtgeschichte und Clubgeschichte geben wird. Johannes Krause-Isermann