Vorlese-Nachmittag

Beide Bücher, die beim Vorlese-Nachmittag im November vorgestellt wurden, stammen von zeitgenössischen Autoren. Beide schöpfen aus autobiographischem Material. Zugleich aber bildeten die beiden verlesenen Textabschnitte einen reizvollen Gegensatz. Zunächst trug Renate Krause-Isermann das letzte Kapitel aus Helga Schuberts Erzählungsband „Vom Aufstehen“ vor. Die morgendlichen Gedanken der Autorin kreisen um ihr Verhältnis zur verstorbenen Mutter und zum pflegebedürftigen Ehemann. Helga Schubert, ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung, weiß ihre Erinnerungen ebenso anschaulich wie anrührend zu schildern, das Schöne und auch das Traumatische. Sie lernt zu verstehen, dass das vierte Gebot nicht verlangt, die Eltern zu lieben; „Wir brauchen sie nur zu ehren“. So kann sie in Frieden von der Mutter Abschied nehmen und ihr sagen: „Ich verdanke dir, dass ich lebe, es ist alles gut.“ Auf diesen nachdenklichen Text folgte – vorgelesen von Eckard Andersson – eine heitere Erzählung aus Joachim Meyerhoffs autobiographischem Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Der Autor wuchs auf dem Gelände einer gro- ßen kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik auf, die von seinem Vater geleitet wurde. In dem Kapitel „Der große Klare aus dem Norden“ erzählt er vom Besuch des damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg in dieser Klinik. Die glänzend geschilderten, urkomischen Szenen ließen uns mal schmunzeln, mal schallend lachen. Eine willkommene Aufheiterung im sonst eher sorgenvollen Herbst. Starker Beifall dankte beiden Vorlesern für Licht und Wärme, die die besinnlichheiteren Texte uns in der dunklen Jahreszeit vermittelten. Johannes Krause-Isermann