Clubabend mit Landesrätin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger zur Skulptur Projekte Münster 2027
Besser hätte der Termin kaum gewählt sein können für einen Clubabend zu diesem Thema: LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger erhöhte mit ihrem hervorragenden Vortrag die Vorfreude auf die Skulptur Projekte Münster 2027 vom 13. Juni bis 3. Oktober.
Die Ausstellung findet im nächsten Jahr zum sechsten Mal statt. Sie feiert 2027 ihr 50-jähriges Jubiläum. Sowohl Referentin als auch Präsidentin konnten sich als gebürtige Münsteranerinnen nahezu gleichen Jahrgangs noch gut an die erste Skulpturenausstellung erinnern.
Das Jubiläum nahm Barbara Rüschoff-Parzinger zum Anlass, einleitend auf die Geschichte der Skulpturenausstellung zu blicken, die weltweit die drittbedeutendste Ausstellung für Kunst im öffentlichen Raum ist und mit der documenta und der Biennale Venedig zeitliche Bezugspunkte hat.
Die öffentliche Diskussion um die Aufstellung der Skulptur „Rotierende Quadrate“ von George Rickey (seit 1975 an der Engelenschanze) war Impuls für die erste Skulpturenausstellung.
Die von Klaus Bußmann und Kaspar König initiierten Skulpturenausstellungen bedeuten 50 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte. Markenzeichen der Ausstellung ist die Verbindung von Kunst und Raum. Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler entwickeln ortsbezogene Arbeiten, indem sie ein Münster-Motiv aufnehmen und in Kunst umsetzen. Rund 45 Werke vergangener Ausgaben sind heute Teil der öffentlichen Sammlung im Stadtraum.
Ein Highlight der ersten Ausstellung waren die Giant Pool Balls von Claes Oldenburg, die als „Aasee-Kugeln“ zu einem Wahrzeichen von Münster geworden sind. Der ursprüngliche Plan von Oldenburg, die Kugeln in der ganzen Stadt zu verteilen, scheiterte am Geld.
Prägend für 1987 waren die Skulpturen Red Dog for Landois von Keith Haring und Der Kiepenkerl in Edelstahl von Jeff Koons, mit denen beide Künstler ortsspezifische Themen aufgriffen.
Der Pier von Jorge Pardo im Aasee war ein Publikumsfavorit der Ausstellung 1997. Unvergessen auch Sculptures on Air von Ayşe Erkmen. Nachdem das Domkapitel drei Projektvorschläge für das Westwerk des St.-Paulus-Doms abgelehnt hatte, vermied Erkmen eine weitere Ablehnung und nutzte den Luftraum als Aktionsradius. Sie ließ einen Hubschrauber mit angehängten Sakralskulpturen aus dem Museumsdepot über dem Domplatz kreisen, die anschließend auf dem Dach des Landesmuseums abgesetzt wurden, was ihr maximale Aufmerksamkeit bescherte. Die Aktion fand zweimal statt.
2007 gab es ausschließlich Performance-Projekte.
2017 sorgte Ayşe Erkmen mit On Water — ein Steg, der beide Uferseiten des Hafenbeckens verband und den Eindruck vermittelte, über Wasser zu gehen — wieder für einen Beitrag mit maximaler Aufmerksamkeit, der beinahe an den Auflagen gescheitert wäre. Zunächst musste der Kampfmittelräumdienst das Hafenbecken untersuchen. Obwohl das Hafenufer an beiden Seiten ungesichert ist, war es erforderlich, dass während der Öffnung der Skulptur (nur bei Helligkeit) Taucher bereitstehen mussten. Die Zahl der Personen, die das Hafenbecken durchqueren durften, wurde begrenzt und durch Ordner überprüft.
Ein weiteres Highlight war „Der Brunnen“ (Sketch for a Fountain) von Nicole Eisenman an der Promenade Am Kreuztor nahe der Büste von Annette von Droste-Hülshoff. Die Skulptur vor dem sog. „Liebeshügel“ nahm auf den Ort Bezug, weil er besonders während der 1960er und 1970er Jahre als heimlicher Treffpunkt der Homosexuellen in Münster diente. Die Künstlerin war zunächst dagegen, dass die Skulptur dauerhaft in Münster bleiben soll, weil sie — auch wegen des genutzten Materials — auf Vergänglichkeit angelegt war. Als sie aber davon erfahren hat, dass eigens ein Verein für den dauerhaften Verbleib der Skulptur in Münster gegründet worden ist und dieser erhebliche Spenden für den Erhalt der Skulptur gesammelt hat, hat sie zugestimmt, dass „Der Brunnen“ in Münster bleiben kann, allerdings mit haltbaren Materialien. Während der Skulptur Projekte 2017 war der Brunnen Ziel von Zerstörungen und Farbschmierereien, die immer früh morgens beseitigt worden sind.
Für die Skulptur Projekte 2027 steht ein Umbruch an. In der Nachfolge von Kasper König hat eine Findungskommission eine neue künstlerische Leitung ausgewählt: das Kollektiv What, How and for Whom / WHW mit Ivet Ćurlin, Nataša Ilić und Sabina Sabolović. Drei Frauen, geprägt vom Krieg auf dem Balkan. Das Kollektiv wurde 1999 gegründet und ist in Zagreb und Berlin ansässig. Von 2019 bis 2024 waren die drei Mitglieder Direktorinnen der Kunsthalle Wien.
WHW legt den Schwerpunkt der Ausstellung weiterhin auf das Zentrum. Aber auch neue Orte in Stadtteilen sollen als ortsspezifische Kunst einbezogen werden, zum Beispiel in Gremmendorf, Berg Fidel und Kinderhaus. Ungefähr ein Viertel der Objekte werde im Außenraum sein. Insgesamt werde es 27 Ausstellungsorte geben. Das Haptische spiele eine große Rolle.
Einer Radtour von WHW zum Kennenlernen von Münster mit dem damaligen Oberbürgermeister Markus Lewe verdanken wir die Erkenntnis, dass die Skulpturen auch für Menschen erreichbar sein müssen, die nicht gut zu Fuß oder geübte Radfahrer sind.
Barbara Rüschoff-Parzinger betonte, wie wichtig es sei, bei einer internationalen Ausstellung, Nummer 3 weltweit, mit 650.000 Besuchenden in drei Monaten auch Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt zu Gast zu haben. Sie wisse aus eigener Erfahrung von Forschungsaufenthalten in Namibia und Israel, wie wichtig verschiedene Einflüsse und Positionen seien.
Barbara Rüschoff-Parzinger gab uns einen ersten Ausblick auf die voraussichtlich 34 international bekannten Künstler, die bei den Skulptur Projekten 2027 dabei sein werden: der guyanisch-britische Künstler Hew Locke mit einer Arbeit im Haus der Niederlande, die polnische Künstlerin Iza Tarasewicz auf Gut Kinderhaus, der kolumbianische Künstler Oscar Murillo mit einer Arbeit im York-Kasino, die ungarisch-syrische Künstlerin Róza El-Hassan in Berg Fidel und im Botanischen Garten, Selma Selman, eine Künstlerin aus einer Roma-Familie, am Hörster Friedhof. Weitere Namen der mitwirkenden Künstlerinnen und Künstler werden sukzessive veröffentlicht.
Abschließend wies Barbara Rüschoff-Parzinger auf Mobilität und Nachhaltigkeit als strukturellen Ansatz hin. Es sollen ÖPNV-Verbindungen zwischen den einzelnen Standorten berücksichtigt werden. Die Ausstellung soll wieder fahrradfreundlich erschlossen werden. Es wird Kooperationen mit lokalen Mobilitätspartnern geben, u.a. Leezen Heroes Rikscha. Und es wird diesmal erstmalig — das ist besonders erwähnens- und lobenswert — Angebote für unterschiedliche Mobilitätsbedarfe geben, um allen Interessierten die Teilnahme an diesem internationalen Kulturereignis mit allen Standorten zu ermöglichen.
Barbara Rüschoff-Parzinger hat bei den zahlreich erschienenen Anwesenden die Vorfreude auf die Skulptur Projekte 2027 steigen lassen. Sie werden auch Bestandteil unseres Clubprogramms. Die erste Radtour im kommenden Jahr soll zu den Skulpturen vergangener Ausstellungen führen, die im Zentrum verblieben sind. Der August ist reserviert für einen Besuch der aktuellen Ausstellung zentral und in den Stadtteilen.
Mit reichem Beifall und dem üblichen „guten Tropfen“ dankte der Civilclub Barbara Rüschoff-Parzinger für diesen spannenden Abend und wünschte ihr viel Erfolg für die Skulptur Projekte 2027.
Text: Michaela Heuer